Museum für anatolische Zivilisationen
Auf der zweiten Station unserer Beitragsreihe über die Museen der Türkei verlassen wir das kosmopolitische imperiale Erbe Istanbuls und reisen zu den tiefsten Wurzeln Anatoliens, in das Land, in dem Geschichte geschrieben wurde, in das Herz von Ankara.
Das Museum für anatolische Zivilisationen ist nicht nur ein Museum; es ist einer der weltweit bedeutendsten Zeugen des gewaltigen Abenteuers der Menschheit – vom Jäger und Sammler über die Sesshaftigkeit und Töpferei bis hin zur Gründung von Weltreichen. Direkten Anschluss an die Burg von Ankara und eingebettet in ein historisches Ensemble gelegen, wurde dieses Museum 1997 zum „Europäischen Museum des Jahres“ gewählt und ist eine Quelle des Stolzes, die ihre Exzellenz auch auf internationaler Ebene unter Beweis gestellt hat.
Ein Ort inmitten der Geschichte: Mahmut-Pascha-Bedesten und Kurşunlu Han
Das Gebäude des Museums selbst ist ebenso wertvoll wie die darin ausgestellten Werke. Das Museum ist in zwei osmanischen Bauwerken aus dem 15. Jahrhundert untergebracht: dem Mahmut-Pascha-Bedesten und der Kurşunlu Han. Diese Bauwerke, die von Mahmut Pascha, einem der Großwesire von Sultan Mehmet dem Eroberer, errichtet wurden, wurden ab 1921 auf Wunsch Atatürks zur Gründung eines „zentralen Hethiter-Museums“ in ein Museumsgebäude umgewandelt.
Heute verwandelt die mystische Atmosphäre der Ausstellungsbereiche unter den riesigen Kuppeln und dicken Steinmauern den Ort in einen faszinierenden Tunnel, der den Besucher schon beim ersten Schritt auf eine Reise Tausende von Jahren in die Vergangenheit vorbereitet.
Eine chronologische Zeitreise
Das wichtigste Merkmal, das das Museum für anatolische Zivilisationen so besonders macht, ist die perfekte chronologische Anordnung der Sammlung. Ein Spaziergang durch das Museum gleicht einer Reise durch den linearen Fluss der Zeit.
1. Paläolithikum und Neolithikum: Erste Schritte und die Muttergöttin
Die Reise beginnt mit paläolithischen Funden aus der Karain-Höhle bei Antalya. Die wirklich faszinierende Station ist jedoch die Abteilung für das Neolithikum (8000–5500 v. Chr.). Hier sehen wir Artefakte aus Çatalhöyük, einer der ältesten Siedlungen der Welt.
Der erste Stadtplan der Welt: Das Wandgemälde, das die Häuser von Çatalhöyük und den ausbrechenden Vulkan Hasan Dağı im Hintergrund darstellt, gilt als die erste Karte bzw. das erste Landschaftsbild der Menschheitsgeschichte.
Die Statuette der Muttergöttin: Die berühmte Tonfigur, die Fruchtbarkeit und Wohlstand symbolisiert und auf einem Thron zwischen zwei Leoparden sitzt, ist die früheste Form des Kybele-Kults, der sich über Jahrtausende erstrecken sollte.
2. Chalkolithikum und Frühe Bronzezeit: Wie Metall zu Kunst wird
Mit der Entdeckung von Metall beginnt die Herrschaft des Menschen über die Natur. Die Artefakte aus den Königsgräbern von Alacahöyük sind die Highlights dieser Abteilung.
Hethitische Sonnenscheiben: Diese bronzenen Sonnenscheiben, die eigentlich zur hattischen Zivilisation gehören, heute jedoch zu einem Wahrzeichen von Ankara geworden sind, sind die feinsten Beispiele für die religiöse und künstlerische Tiefe jener Zeit. Diese mit Hirsch- und Stierfiguren verzierten Standarten tragen das ästhetische Verständnis von vor Tausenden von Jahren in die Gegenwart.
3. Assyrische Handelskolonien: Der Beginn der Schrift in Anatolien
Um 1950 v. Chr. kamen mesopotamische Händler nach Kültepe (Kaniş) bei Kayseri und brachten die Schrift nach Anatolien. Die Keilschrifttafeln im Museum enthalten Handelsverträge, Eheschließungen und sogar Beschwerdebriefe jener Zeit. Dass die Geschichte an diesem Punkt aufhört, „stumm“ zu sein, und zu „sprechen“ beginnt, ist ein Detail, das Ihnen beim Rundgang durch das Museum Gänsehaut bereiten wird.
4. Das Hethiterreich: Das „Volk der tausend Götter“
Anatoliens erstes großes Weltreich, die Hethiter, begrüßt Sie in der zentralen Halle des Museums mit prächtigen Reliefs. Diese gewaltige Macht, die in der Bibel und in ägyptischen Quellen erwähnt wird, erwacht durch Steinreliefs aus Hattuša zum Leben. Die Macht des Wettergottes Teššup, Sphingen und Krieger spiegeln die unerschütterliche Staatsstruktur der Hethiter wider.
5. Die Reiche der Phryger und Urartäer: Midas’ Ohren und die Meister des Eisens
Phrygische Abteilung: Die Holzmöbel aus dem Tumulus von Gordion, dem Grab von Gordios, dem Vater des legendären Königs Midas (oder einigen Quellen zufolge von Midas selbst), sind die ältesten und am besten erhaltenen Holzhandwerksarbeiten der Welt.
Urartäische Abteilung: Die Urartäer, die sich rund um den Vansee ansiedelten, waren als „Meister des Eisens“ bekannt. Die Metallgefäße, Gürtel und Trinkgefäße mit Löwenmotiven (Rhyton) im Museum beweisen, wie weit fortgeschritten die Urartäer in der Metallurgie waren.
Ein Museum voller Atmosphäre: Der Garten und der Museumsshop
Das Museum für anatolische Zivilisationen bietet nicht nur im Innenbereich Ruhe, sondern auch in seinem Garten mit Blick auf die Burg von Ankara. Die Aussicht auf Ankara zwischen den im Garten ausgestellten riesigen Steinmonumenten, Kapitellen und Statuen zu genießen, fühlt sich an wie der Ausstieg aus den grauen Gebäuden der Stadt und der Eintritt in einen Jahrtausende alten Zeittunnel.
Das neugestaltete Ausstellungskonzept des Museums erzählt die Geschichte jedes Exponats in leicht verständlicher Sprache auf Türkisch und Englisch. Die Beleuchtung ist perfekt eingestellt, um die feine Handwerkskunst auf den Objekten zu bewundern – insbesondere die Keilschrift und die Siegelabdrücke auf den Tontafeln.
Ein kleiner Tipp: Machen Sie nach dem Museumsbesuch einen Spaziergang durch die historischen Straßen der nahe gelegenen Burg von Ankara und krönen Sie diese historische Atmosphäre mit einem frischen „Ankara Simidi“.
Warum ist dieses Museum unverzichtbar?
Während die Archäologischen Museen von Istanbul uns das „klassische Welterbe“ präsentieren, erzählt uns das Museum für anatolische Zivilisationen in Ankara von unseren „eigenen Wurzeln“. Dieser Ort ist der greifbarste Beweis dafür, warum dieses Land als „Wiege der Zivilisationen“ bezeichnet wird. Ein Gefäß, das Sie hier sehen, entstammte vor 8.000 Jahren den Händen von jemandem, der in diesem Land lebte; die Verbindung zu diesem Menschen zu spüren, ist eine Erfahrung, die weit über den bloßen Ausstellungsbesuch hinausgeht.





